Ein Tsunami für Politiker, bitte!

Kennen Sie die 4%-Regel? Sie ist das Wichtigste, das mit mein Mittelschulrektor Dr. Erich Klee beigebracht hat. Sie lautet: «In jeder Bewegung sind es genau 4 Prozent aller Beteiligten, die die Essenz einer Sache verstanden haben. Der Rest ist Beiwerk.» Das tönt lapidar, ist aber von lähmender Dramatik. Denn, wissen Sie was das bedeutet? Es bedeutet nichts Geringeres als dass 4 Prozent aller Ärzte gute Ärzte sind, dass 4 Prozent aller Köche Ihren Gaumen in Entzücken versetzten können, dass 4 Prozent aller Lehrer die Note sechs verdienen, dass 4 Prozent aller Handwerker ihr Handwerk verstehen, 4 Prozent aller Piloten das Format eines Chesley Sullenbergers haben, der sein kaputtes Linienflugzeug im Hudson River landete… Sie können das selbst überprüfen indem Sie mal ein paar Tage darauf achten, nach wie vielen Begegnungen Sie das Gefühl haben, es mit einer wirklich kompetenten, integeren Person zu tun gehabt zu haben. Und ich garantiere Ihnen, Sie werden sich an Dr. Erich Klee von nun an erinnern!
Was in Japan gegenwärtig geschieht ist grauenhaft. Die Bilder und Nachrichten die uns hier erreichen wären in jedem Katastrophenfilm unglaubwürdig. Aber sie sind echt. Und sie zeigen Wirkung. Auch bei uns.
Ein Erdbeben kann man nicht verhindern, einen Tsunami auch nicht. Das sind Naturkräfte die wir hinnehmen müssen. Aber ein Atomkatastrophe kann man verhindern. In Japan hat man sie nicht verhindert, die Katastrophe ist da. Und jetzt werde ich ärgerlich, nein wütend! Siehe da, plötzlich beginnt in der Energie- und Atompolitik das grosse Aufwachen. Das ich nicht lache! Stellen Sie sich vor, jemand hätte vor einem Monat gefordert, dass in Deutschland unverzüglich neun von siebzehn Kernkraftwerken abgeschaltet werden. Hören Sie das Geschrei von wegen Arbeitsplätzen, Sicherung der Energieversorgung, wirtschaftlicher Verantwortung, mangelnder Alternativen und die Beteuerung, diese Reaktoren wären sicher? Haben Sie die Politiker, Manager und Experten vor Augen, wie sie uns an ihren Pressekonferenzen mit überzeugender Stimme klar machten, dass AKWs unverzicht- und das Restrisiko  kalkulierbar sei? Und heute erklären uns die selben Leute mit der der selben Stimme, dass jetzt ein Umdenken nötig sei. Schwafeln wieder von Verantwortung und Sicherheit. Schämen die sich eigentlich nicht, wenn sie heute so tun, als hätten sie vergessen was sie uns bis dato predigten und nun Entscheidungen zugunsten von Forderungen fällen, die sie vor ein paar Wochen noch als verantwortungslose, links-grün-wirtschaftsfeindliche Utopien gebrandmarkt haben? Ist es ihnen nicht peinlich, heute mit den Worten derer zu argumentieren, die sie jahrelang verhöhnt haben? Nein, sie schämen sich nicht. Sie begründen ihre Kehrtwende damit, dass die Ereignisse in Japan neue Erkenntnisse hervorgebracht hätten. Ich bitte Sie! Viel dümmer geht’s nimmer! Diese so verantwortungsbewussten Lenker unserer Gesellschaft kommen mir vor wie Kinder denen man gesagt hat, dass es tödlich sein kann sich unter einen fahrenden Lastwagen zu werfen und die die Erfahrung trotzdem selber machen wollen. Das ist Irrsinn und das Gegenteil von Verantwortungsbewusstsein!
Es gibt Risiken die man nicht eingehen darf um sicher zu sein, dass sie wirklich gefährlich sind! Wer das für sich persönlich trotzdem tun will darf das tun, solange er niemand anderen in ein solches Experiment hinein zieht. Wer aber in leitender Position aus Partikularinteressen oder Ignoranz Risiken eingeht, die sich für hunderte oder tausende von Menschen und Tieren vernichtend auswirken können, ist ein verantwortungsloser Scharlatan der nichts an dieser Position verloren hat! Dabei kommt es nicht drauf an, ob man unglaubwürdig wird, weil man seine Doktorarbeit zusammengoogelt und trotzdem an die Ehre appelliert, eine national Fluggesellschaft abschiesst in dem man ihr den Kredit verweigert und sich Jahre später mit dem zigfachen Geldbetrag aus dder Volkskasse seine Bank retten lässt oder ob man jede Achtung verliert, weil man dem Gegner den Lorbeerkranz klaut. Er oder sie muss seinen Platz räumen. Sofort.
Und da ist sie wieder, die Vier-Prozent-Regel. Sechsundneunzig Prozent derer, die jetzt nach der Katastrophe in Japan für ein Umdenken plädieren sind unglaubwürdige, eigennützige Sesselkleber. Denn schauen Sie: Diese  Leute haben ihre Inkompetenz  nicht nur in ökologischen und energiepolitischen Fragen bewiesen, nein, sie halten auch daran fest, dass das Wirtschaftswachstum der Gradmesser des Wohlbefindens ist. In Japan werden irgendwann Aufträge in Milliardenhöhe vergeben. Diese werden das Bruttosozialprodukt steigern, also geht es den Menschen dort gut.
Wir können diese alte Garde mit ihren geradezu zynisch anmutenden Überzeugungen mit unseren Wahlzetteln ins Museum schicken. Aber dafür müssen wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wen wir denn auf unseren Wahlzettel schreiben. Das ist anstrengend. Und da ist sie wieder, die Vier-Prozent-Regel. Sechsundneunzig Prozent derer, die dieses Jahr Wahlzettel ausfüllen dürfen plappern bequemerweise lieber nach, was ihnen von den Parteistrategen empfohlen wird denn nur vier Prozent aller Stimmberechtigten haben verstanden, was es bedeutet als Souverän Verantwortung zu übernehmen. Handeln wir. Jetzt!